Worte für die Ewigkeit

Sportkommentator Tom Bartels im Interview

Sportstimme der Nation

Auf Sendung – „Mach ihn, mach ihn – er macht ihn!“ – Tom Bartels’ Ausruf beim Siegtor von Mario Götze im Fußball-WM-Finale 2014 ist legendär. Der 49-jährige Sportexperte brilliert aber auch durch leisere Töne.

Herr Bartels, wie oft wurden Sie gebeten, Ihre berühmten Worte aus der 113. Spielminute des WM-Endspiels zu wiederholen?

Gar nicht so oft. Aber ich war der Adressat zahlreicher Videos von jungen Nachwuchstalenten. Ein Vater schickte mir einen Clip, in dem zu sehen ist, wie sein kleiner Sohn mit dem Ball im Wohnzimmer dribbelt und dabei meinen Spielkommentar nach dem Götze-Tor bis zum Abpfiff nachspricht. Toll! Das erinnerte mich daran, wie ich selbst als Kind Reporter bewertet und nachgesprochen habe. Prägend für meine Sportleidenschaft waren damals die Olympischen Spiele 1972 und die Fußball-WM 1974 in Deutschland.


Was war die zweitschönste Szene, die Sie beim Fußball live kommentiert haben?

Eine, bei der ich ironischerweise nicht zu hören war. Beim Europameisterschaftsspiel 2012 zwischen Irland und Spanien war kurz vor Schluss beim Stand von 0:4 alles klar. Im Stadion herrschte eine fantastische Stimmung, weil die irischen Fans ihr Team trotz der Niederlage mit leidenschaftlichen Gesängen feierten. Diese Gänsehaut-Atmosphäre wollte ich – ohne jede Kommentierung – auf die Fernsehzuschauer wirken lassen.

Eine mutige Entscheidung, als Live-Reporter minutenlang zu schweigen.

Ja, vor allem weil heute jede Spielübertragung hinterher seziert wird. Ich habe in der Situation meiner Erfahrung und dem Gefühl vertraut, die Situation richtig einzuschätzen.

Ist die Versuchung nicht groß, möglichst viel zu reden, wenn man am Mikrofon sitzt?

Ja, ganz bestimmt. Ich bin ein kommunikativer Typ und mir fällt es manchmal schwer, mich zurückzunehmen. Aber die Disziplin, in bestimmten Situationen auch mal die Klappe zu halten, ist wichtig. Mich stört es zum Beispiel, wenn ein Reporter wenige Anfangsszenen zum Anlass nimmt, bereits das gesamte Spiel zu bewerten. Das Spiel muss sich doch erst mal entwickeln!


Wie sehr schmerzt Sie Kritik?

Am Anfang meiner Reporter-Karriere fühlte ich mich davon manchmal schon getroffen. Heute weiß ich mit diesen Nebenwirkungen umzugehen. Sie gehören zum exponierten Reporterleben dazu.
Allerdings habe ich in über 20 Jahren nie erlebt, dass jemand auf mich zukommt und direkte Kritik äußert oder mich verbal attackiert. In der Anonymität des Internets fällt das einigen Fans offenbar leichter.

Erinnern Sie sich an Ihr erstes Live-Fußballmatch, das Sie übertragen haben?

Ja, das war das DFB-Pokal-Achtelfinale zwischen den Stuttgarter Kickers und dem Karlsruher SC Ende 1994. Ich habe das Match für den damaligen Südwestfunk im dritten Programm kommentiert. Der KSC gewann übrigens 2:0.

Was war neben dem WM-Finale 2014 die Partie, die Sie als Live-Reporter bislang am meisten mitgenommen hat?

Davon gab es mehrere. Ein Highlight war mein erstes Live-Match in der Champions League. Das 4:4 zwischen dem Hamburger SV und Juventus Turin im September 2000 habe ich damals für RTL übertragen – nervenaufreibend, und das bei meiner CL-Premiere! Dramatik pur im Volkspark mit einer irren Torfolge und Spielern wie Anthony Yeboah und Hans Jörg Butt auf HSV-Seite und Filippo Inzaghi bei Juventus, die an dem Abend zu Hochform aufliefen. Sehr spannend waren auch das CL-Finale zwischen Bayern und Valencia im Mai 2001, das ja erst im Elfmeterschießen entschieden wurde, und das EM-Finale 2008 zwischen Deutschland und Spanien. Im negativen Sinne mitgenommen hat mich das Fan-Chaos am Ende des Relegationsspiels zwischen Hertha BSC Berlin und Fortuna Düsseldorf im Mai 2012. Als Reporter sollte man ja immer eine gewisse Distanz zum Geschehen wahren, aber in diesem Fall wurde eine Grenze überschritten und das habe ich auch deutlich zum Ausdruck gebracht.

Müssen Sie sich überhaupt noch – abgesehen von Routinen wie Aufstellung, Schiedsrichtergespann, etc. – auf ein Spiel vorbereiten oder können Sie sich auf Ihre Intuition verlassen?

Mein Fußballwissen und mein Erfahrungsschatz sind zwar groß, aber für eine gute Live-Übertragung ist eine akribische Vorbereitung immer noch das A und O. Wenn sich zum Beispiel – wie seit einigen Jahren bei CL- oder Länderspielen üblich – die Kamera vor dem Anpfiff im Kabinengang auf einzelne Spieler richtet, muss ich sofort deren Namen und kleine Geschichten zu den Namen parat haben. Bei den Spielern der deutschen Mannschaften ist das kein Problem, aber wenn die Gegner aus Zagreb oder Porto kommen, muss ich mich über diese vorher schon gezielt informieren. Da helfen dann die Informationsmappen unserer Agenturen, die vor allem eine Menge Statistikzahlen enthalten, nur begrenzt weiter. Ganz wichtig für mich, um immer auf dem Laufenden zu bleiben und auch Hintergründe zu kennen, sind meine persönlichen Kontakte zu den Spielern, Trainern und anderen Journalisten. Ich bin gut vernetzt in der Fußballszene.

Sind Sie Fan eines Bundesligavereins?

Ich drücke keiner bestimmten Mannschaft den Daumen, sondern Menschen, die mir nahe stehen und deren Wege in den Vereinen ich verfolge. Dazu zählt zum Beispiel Horst Heldt auf Schalke.

Die meisten Zuschauer kennen Sie vom Fußball. Aber Sie haben auch regelmäßig Skispringen und Schwimmwettbewerbe übertragen. Für welche Sportart sitzen Sie am liebsten am Mikrofon?

Das ist gar nicht so eindeutig. Jede Sportart hat ihren ganz eigenen Reiz. Ich genieße die Abwechslung und dass ich so viele Sportarten machen darf. Ich könnte mir auch vorstellen, Golfturniere zu übertragen. Skispringen ist mir übrigens zunächst schwer gefallen, aber nach wenigen Jahren war ich absoluter Experte und auch sehr nah an den Athleten dran. Natürlich bin ich mit Fußball groß geworden und zwar zu einer Zeit, als man als TV-Reporter noch leicht an die Sportler und Trainer ran kam. Ich habe mir meine vielen Kontakte in der Branche zäh erarbeitet. Der Profi-Fußball ist in den vergangenen Jahren anonymer geworden. Trainer wie Pep Guardiola kann man nicht eben mal um ein spontanes Interview bitten.

Welche Beziehung haben Sie zu Köln?

Die Stadt ist meine Heimat geworden. Ich habe hier an der Deutschen Sporthochschule studiert, mich von Anfang an wohlgefühlt und eine Menge Freunde gewonnen. Auch meine Frau und meine zwei Söhne können sich nicht vorstellen, woanders zu leben. Ich bin für meinen Job rund 180 Tage im Jahr unterwegs. Das schlaucht gehörig. Zurück zu Hause genieße ich es dann, in einem Café an der Aachener Straße zu relaxen, im Stadtwald zu laufen oder in Brauweiler Tennis zu spielen.

Nutzen Sie Ihren neuen Mercedes-Benz für Termine?

Beruflich reise ich meistens mit der Bahn oder dem Flugzeug. Das T-Modell der E-Klasse ist für mich ein wunderbares Familienauto – mit viel Platz fürs Urlaubsgepäck.

Zum Abschluss kommen Sie um einen Tipp nicht herum. Wird Deutschland 2016 Europameister?

(lacht) Lassen Sie es mich mal so sagen: Ich bin total überzeugt von unserer Mannschaft. Positive Tipps haben sich für mich übrigens meistens ausgezahlt.


Tom Bartels (50) lebt seit 1989 in Köln. Er wuchs in der Nähe von Osnabrück auf, wo er zunächst eine Banklehre absolvierte. Während des Studiums an der Deutschen Sporthochschule in Köln fand Bartels 1992 über die Sportredaktion des WDR zum Fernsehen. Nach rund zehn Jahren bei RTL und Premiere wechselte er 2006 zum SWR. Für die ARD ist der Sportexperte nicht nur beim Fußball im Einsatz, sondern kommentiert auch Skisprung- und Schwimmwettbewerbe.

Quelle: www.sportschau.de